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Vitamine, Calcium, Eisen – was macht ihr mit meinem Darm?

Stand:

Nahrungsergänzungsmittel können die Zusammensetzung der Darmmikrobiota verändern. Was das bedeutet, muss allerdings in weiteren Studien erforscht werden.

Das Wichtigste in Kürze:
Auf's Wissen kommt es an!

  • Nahrungsergänzungsmittel können auf unterschiedlichste Weise die Zusammensetzung der Darmflora beeinflussen.
  • Neueste Untersuchungen zeigen, dass auch Vitamine, Calcium, Magnesium oder Eisen einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Darmbakterien haben.
  • Wer an Erkrankungen des Darms, insbesondere entzündlichen Veränderungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, leidet, sollte Nahrungsergänzungsmittel nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt nehmen.
  • Eine darmfreundliche Ernährung ist für Gesunde immer hilfreich.
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Nahrungsergänzungsmittel beeinflussen die Darmflora

Ein Kieler Forschungsteam konnte kürzlich zeigen, dass Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmbakterien bei Typ-2-Diabetes vor allem mit Übergewicht und Einnahmen von Nahrungsergänzungsmitteln und Medikamenten zusammenhängen und weniger mit der Diabetes-Erkrankung.

So haben regelmäßig eingenommene Medikamente (wie Blutdrucksenker, Schmerzmittel, Antidepressiva und Antidiabetika) und auch Nahrungsergänzungsmittel Einfluss auf das Darmmikrobiom (Darmflora). Bei den Nahrungsergänzungsmitteln sind es Magnesium, Vitamine, Calcium und vor allem Eisen, die die Zusammensetzung der Darmbakterien verändern.

Das ist besonders bei Personen mit Erkrankungen im Magen-Darm-Bereich wie z.B. Morbus Crohn und Colitis ulcerosa und einer wenig stabilen Darmflora zu bedenken. Eine Studie hat gezeigt, dass die zusätzliche Gabe von Eisen, und zwar egal ob als Tablette oder intravenös, die Zusammensetzung der Darmflora erheblich beeinflusst.

Für die Zukunft hoffen die Forscher, genauer zu verstehen, was diese Veränderungen im Mikrobiom konkret bewirken und welche Bakterien (s.u.) die wichtigen Akteure sind, um dann gezielt eingreifen zu können und so die jeweilige Krankheit zu beeinflussen.

Was sollten Sie beachten?

Wenn Sie an Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa leiden, immer wieder mit Durchfällen zu tun haben oder Probleme mit dem Darm haben, sollten Sie vor der Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln unbedingt mit Ihrem Arzt darüber sprechen. Fragen Sie in dem Gespräch auch unbedingt nach einer für Sie sinnvollen Dosierung. So können zum Beispiel zu hohe Mengen an Magnesium nicht nur die Zusammensetzung der Darmbakterien verändern sondern auch zu Durchfällen und Magen-Darm Problemen führen. Auch eventuelle Wechselwirkungen mit Medikamenten sollten dabei bedacht werden.

Was können Sie selber für Ihre Darmbakterien tun?

  • Essen Sie Lebensmittel, die bei Ihnen zu Verstopfung führen oder abführend wirken (z.B. bestimmte Gewürze) nur in kleinen Mengen.
  • Trinken Sie ausreichend.
  • Essen Sie – soweit Sie sie vertragen – ballaststoffreiche pflanzliche Lebensmittel, also Vollkornprodukte, Haferflocken und Gemüse, aber auch Obst. Hilfreich können Lebensmittel mit natürlichem Inulin oder Oligofruktose (speziellen wasserlöslichen Ballaststoffen wie Hülsenfrüchte, Chicorée, Artischocke, Schwarzwurzel, Lauch, Zwiebeln, Knoblauch oder Spargel sein.
  • Auch Leinsamen und Chiasamen können sich positiv auswirken, die Mengen sollten aber auf 20 bzw. 15 Gramm pro Tag beschränkt werden.
  • Sauermilchprodukte aus dem Kühlregal wie Joghurt, Kefir, Ayran, Lassi oder Dickmilch, aber auch milchsauer vergorene Bohnen, Möhren, Sauerkraut oder asiatisches Kimchi haben einen günstigen Einfluss auf die Darmflora und damit möglicherweise auch auf das Immunsystem.
  • Sogenannte probiotische Bakterien haben bei Gesunden keine nachgewiesene gesundheitsförderliche Wirkung.
  • Nehmen Sie Antibiotika nur dann, wenn sie wirklich nötig sind. Besprechen Sie das mit Ihrem Arzt.

Was machen die Darmbakterien?

Im Darm befinden sich rund 1,3-mal so viele Bakterien, wie der Körper des Menschen Zellen hat. Diese so genannte Mikrobiota ist an vielen Prozessen beteiligt wie etwa der Verdauung, der Herstellung von Vitaminen und der Abwehr von Krankheitserregern. Die Darmflora besteht zu 99 % aus vier Bakterien-Familien: Firmicutes, Bacteroidetes, Proteobacteria und Actinobacteria.

Diese bauen vor allem unverdauliche Kohlenhydrate (Ballaststoffe) ab, dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren (hauptsächlich Essig-, Propion- und Buttersäure), die von den Zellen der Darmwand aufgenommen und verstoffwechselt werden. Deren genaue physiologische Bedeutung ist noch nicht bekannt, auf jeden Fall regen sie auch die Darmperistaltik an.

Wenn Sie es noch detaillierter möchten:

Man weiß bisher, dass Darmflora und Körpergewicht sich gegenseitig beeinflussen und dass Menschen, die an Fettsucht (Adipositas) leiden, eine veränderte Zusammensetzung der Darmbakterien haben. Im Darm gesunder Menschen beträgt das Verhältnis von Firmicuten zu Bacteroideten 1:1 bis 3:1. Bei übergewichtigen Patienten ändert sich das häufig zu Gunsten der Firmicutes von 3:1 auf bis 25:1 (in Extremfällen bis 200:1). Mehr Firmicutes führt zu einem besseren Abbau von Ballaststoffen und der Gewinnung von zusätzlicher Energie (mehr Kalorien). Bei einer Gewichtsreduktion verschiebt sich das Verhältnis von Firmicutes zu Bacteroides hin. Durch die Übertragung von Stuhl lässt sich im Tierexperiment bei normalgewichtigen Mäusen eine Gewichtszunahme hervorrufen.

Es wird angenommen, dass ein Verlust dieser symbiontischen Bakterien – und damit eine Veränderung der Zusammensetzung - die Entstehung von Allergien begünstigt.

Neue Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung der Darmflora und Erkrankungen des Gehirns gibt ("Darm-Hirn-Achse"). Ebenfalls in Tierexperimenten wurde festgestellt, dass ein Magnesiummangel bei Mäusen zu einer veränderten Darmflora führte und vermutlich in einer Depression mündete. Hier besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.

 

Zum Weiterlesen:

 

Quellen:


Thingholm et al. (2019): Obese Individuals with and without Type 2 Diabetes Show Different Gut Microbial Functional Capacity and Composition. Cell Host & Microbe 26 (2): P252-264.e10

Fragile Gemeinschaft bei gesteigerter Eisenzufuhr. Meldung des Helmholtz-Zentrums München vom 22.02.16

Lee T et al (2017): Oral versus intravenous iron replacement therapy distinctly alters the gut microbiota and metabolome in patients with IBD. Gut 66: 863-871

Wie die Darmflora Allergien verhindert. Meldung des Helmholtz-Zentrums München vom 10.07.2015

Ohnmacht C. et al. (2015): The microbiota regulates type 2 immunity through RORγt+ T cells. Science 349 (6251): 989-993

Smith PA (2015): Die Darm-Hirn-Achse. Neurowissenschaftler untersuchen, wie das Darm-Mikrobiom die Gehirnentwicklung beeinflusst. Spektrum (47). Original-Übersetzung aus Nature (14.10.15) "The tantalizing links between gut microbes and the brain"

Winther G et al. 2015): Dietary magnesium deficiency alters gut microbiota and leads to depressive-like behavior. Acta Neuropsychiatrica 27 (3): 168-176

Begley M (2018): What Is Your Microbiome? And Three Things That Could Change It. Stand: 03.04.18 (abgerufen am 10.12.19)