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Von der Verpackung ins Lebensmittel

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In diesem Beitrag informieren wir über: Klebstoffe, Bisphenol A (BPA), Weichmacher (Phthalate) und Unbeabsichtigt hinzugefügte Substanzen - NIAS.

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Klebstoffe

Die meisten Verpackungen und sonstigen Materialien, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, werden unter Verwendung von Klebstoffen hergestellt. Die oft sehr komplexen Rezepturen enthalten zahlreiche Einzelkomponenten. Jede einzelne Rezeptur besteht aus bis zu 15 Bestandteilen, wobei mehrere hundert Substanzen für Klebstoffe verwendet werden können.

Bei wiederverschließbaren Verpackungen spielen Klebstoffe eine große Rolle, insbesondere bei Fleisch- und Wurstwaren sowie Käse in Scheiben. Wiederverschließbare Verpackungen können höhere Migrationswerte aufweisen als nicht wiederverschließbare Verpackungen vergleichbaren Typs.

Probleme mit Rückständen aus Klebstoffen gibt es vor allem dann, wenn der Klebstoff nach dem Zusammenfügen der Folien nicht genügend Zeit zum Aushärten bekommt. Zu den Stoffen, die durch nicht sachgemäße Verfahrensabläufe entstehen können, gehören primäre aromatische Amine (PAA). Bei PAA handelt es sich um eine Stoffgruppe mit großer gesundheitlicher Relevanz. Zu dieser Stoffgruppe gehören auch Verbindungen, die schon in kleinen Mengen als krebserregend gelten.

Der Lieferant des Klebers muss dem Anwender die Bedingungen nennen, unter denen die Bildung aromatischer Amine zu verhindern ist und keine Belastung der Lebensmittel auftritt. Im weltweiten Handel funktioniert dies nicht immer.

Als Bestandteile von Materialien und Gegenständen für den Lebensmittelkontakt müssen auch Verpackungsklebstoffe Artikel 3 der Verordnung (EG) 1935/2004 erfüllen. Sie fordert, dass kein Übergang von Substanzen auf oder in das Lebensmittel in Mengen erfolgt, welche die menschliche Gesundheit gefährden könnten. Klebstoffe, können nach der gleichen Verordnung zusätzlich Gegenstand von Einzelmaßnahmen sein. Eine solche gibt es aber derzeit nicht. Auch auf nationaler Ebene sind momentan keine Klebstoff-spezifischen rechtlichen Regelungen vorhanden. Es gibt lediglich Vorgaben in Form von Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung. Sie haben jedoch keinen rechtlich verbindlichen Charakter.

Bisphenol A (BPA)

Bisphenol A dient in der chemischen Industrie vor allem als Ausgangsstoff zur Herstellung von Polycarbonat-Kunststoffen und Kunstharzen. Es findet sich in Trinkflaschen, Haushaltsgeräten mit Kunststoffgefäßen (zum Beispiel Wasserkocher), Kunststoffgeschirr sowie Innenbeschichtungen von Konserven- und Getränkedosen (Metall). In Babyfläschchen ist BPA seit 2011 EU-weit verboten.

In der Kritik steht BPA in erster Linie wegen befürchteter hormonähnlicher Wirkungen im menschlichen Körper. Als besondere Risikogruppe gelten dabei Neugeborene und Säuglinge. Da schon geringe Mengen BPA östrogenartig wirken können, besteht das Risiko, dass alle von diesem Hormon abhängigen Prozesse im Körper gestört werden. Diskutiert werden zahlreiche gesundheitliche Effekte, wie eine verfrühte Geschlechtsreife bei Mädchen, verminderte Spermienanzahl und -–qualität bei Männern, die Zunahme von Verhaltensstörungen wie ADHS oder eine erhöhtes Risiko für hormonbedingte Krebsarten (zum Beispiel Brust-, Prostatakrebs). Die Studienlage ist jedoch nicht eindeutig, Wissenschaftler, Behörden, Kunststoffindustrie und Verbraucherschutzverbände vertreten unterschiedliche Positionen. Besonders kontrovers diskutiert wird der sogenannte low-dose-effect, wonach möglicherweise eine sehr niedrige Dosis an BPA zu stärkeren Wirkungen führt als eine größere Menge.

Im Januar 2015 hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) den Grenzwert für die Aufnahme von Bisphenol A aufgrund neuer Forschungsdaten deutlich verschärft. Sie setzte die duldbare tägliche Aufnahmemenge (TDI) von 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht auf 4 Mikrogramm herab. Der TDI wurde vorläufig festgelegt, und die EFSA verpflichtete sich zu einer weiteren Neubewertung von BPA. Eine weitere Verschärfung des TDI ist seitdem noch nicht erfolgt, aber hinsichtlich des erlaubten Übergangs aus Lebensmittelkontaktmaterialien sind Verbesserungen in Sicht.
In 2017 wurde der Stoff als „besonders besorgniserregende Substanz“ eingestuft und zwar wegen der reproduktionstoxischen Wirkung sowie der Einstufung als „endokriner Disruptor“ (hormonell schädliche Eigenschaften für den Menschen). Dies hat zur Folge, dass die Nutzung von BPA für Materialien im Lebensmittelkontakt weiter eingeschränkt wird. Mit der Verordnung 2018/213, die ab September 2018 in Kraft treten wird, gilt für Lacke und Beschichtungen mit Lebensmittelkontakt ein spezifischer Migrationswert (Specific migration limit=SML)  von 0,05mg BPA pro kg Lebensmittel. Für Materialien, die mit Säuglingsnahrung in Kontakt kommen, ist keine BPA Migration gestattet bzw. es gilt die Nachweisgrenze (Nachweisgrenze=0,01mg/kg). Auch in der Kunststoffverordnung werden die Werte verschärft, hier wird der SML von 0,6mg/kg auf 0,05mg/kg gesenkt und das Anwendungsverbot für Babyflaschen aus Polycarbonat wird auf Trinkbecher und Flaschen für Kleinkinder ausgeweitet.

Weichmacher (Phthalate)

Phthalate sind chemische Verbindungen, die als Weichmacher für Kunststoffe eingesetzt werden. Einige Stoffe dieser Gruppe haben gesundheitsschädliche Wirkungen. Sie schädigen beispielsweise die Leber oder beeinflussen Hormonsystem und Fortpflanzungsfähigkeit. Für die verschiedenen Phthalate gibt es unterschiedliche Grenzwerte, teilweise sind sie verboten, zum Beispiel in Kinderspielzeug und Babyartikeln.

Lebensmittelverpackungen werden inzwischen nur noch relativ selten mit Weichmachern hergestellt. Phthalate finden sich noch in PVC-Folien zum Verpacken von Frischfleisch oder in Deckeldichtungen von Twist-off-Gläsern. Mittlerweile gibt es jedoch auch hier Alternativen, die frei von PVC sind und teilweise an einer Blaufärbung des Dichtungsringes zu erkennen sind. Die in Lebensmittelkontaktmaterialien aus Kunststoff auf Basis einer gesundheitlichen Bewertung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit zugelassenen Phthalate sind in der EU-Kunststoffverordnung aufgeführt, einschließlich spezifischer Migrationsgrenzwerte und Verwendungsbeschränkungen. Auch während der Lebensmittelherstellung können Phthalate ins Lebensmittel gelangen, beispielsweise wenn Pflanzenöl durch PVC-haltige Schläuche gepumpt wird.

Unbeabsichtigt hinzugefügte Substanzen - NIAS

Verunreinigte Rohstoffen, Reaktions-und Abbauprodukte bei der Herstellung und Übertragung bei Produktion und Transport können dazu führen, dass in Kunststoff verpackte Lebensmittel unbeabsichtigt gesundheitsgefährdende Substanzen aufnehmen. Fachleute sprechen von "Non Intentionally Added Substances", abgekürzt NIAS.

Derzeit besonders in der Diskussion stehen Abbauprodukte von Klebstoffen bei Verbundmaterialien oder auch Nonylphenol als Abbauprodukt einer Substanz, die dem negativen Einfluss von Sauerstoff, Licht und Hitze auf Kunststoffe entgegenwirkt. Nonylphenol steht im Verdacht, die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen. Zwar heißt es in der EU-Kunststoff-Verordnung (Verordnung (EU) Nr. 10/2011), dass auch Verunreinigungen sowie Reaktions- und Abbauprodukte vom Hersteller gemäß international anerkannten wissenschaftlichen Grundsätzen der Risikobewertung beurteilt werden müssen. Und auch die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) berücksichtigt NIAS im Rahmen ihrer Risikobewertungen. Allerdings wird eingeräumt, dass es nicht möglich ist, all diese Stoffe zu berücksichtigen und bei der Risikobeurteilung aufzuführen.

Die analytische Erfassung von NIAS kann durch ein sogenanntes "non-target-screening" erfolgen, in der Regel mittels Gaschromatographie. Das Verfahren ist jedoch aufwändig und teuer. Wenn sich Auffälligkeiten zeigen, so muss anschließend eine spezifische Messung erfolgen. Dies geschieht aber nie für alle im Screening gefundenen Substanzen, sondern nur für die auffälligen Mengen.

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