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Lebensmittelverschwendung: Wie wird die nationale Strategie umgesetzt?

Stand:
2012 hat das Bundesernährungsministerium "Zu gut für die Tonne!" gestartet. Die Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung hat die Bundesregierung dann im Februar 2019 verabschiedet. Doch wie geht es nun weiter?
Struktur zur nationalen Strategie

Struktur zur nationalen Strategie (Quelle: nach BMEL-Homepage 2021)

Das Wichtigste in Kürze:

  • Akteur:innen und Expert:innen aus der Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel, Gastronomie und aus privaten Haushalten diskutieren und entwickeln Maßnahmen und Lösungen für die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung.
  • Demonstrationsprojekte und Modellbetriebe erproben Maßnahmen gegen Lebensmittelabfälle und prüfen ihre Wirksamkeit.
  • Freiwilligkeit, Appelle und Unverbindlichkeit werden nach Ansicht der Verbraucherzentralen nicht reichen um Lebensmittelabfälle bis 2030 zu halbieren.
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Ziele der nationalen Strategie

Unter Federführung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) wurden 5 sogenannte Dialogforen gegründet. Für die Sektoren

  1. Landwirtschaft
  2. Lebensmittelverarbeitung
  3. Groß- und Einzelhandel
  4. Außer-Haus-Verpflegung
  5. private Haushalte

In den Dialogforen treffen sich Akteur:innen und Expert:innen der jeweiligen Sektoren aus Unternehmen, Verbänden, Politik und Nichtregierungsorganisationen. Gemeinsam sollen Maßnahmen gegen Lebensmittelabfälle entwickelt, erprobt und umgesetzt werden.

Dazu werden in jedem Sektor Zielvereinbarungen mit den Branchen festgelegt. Die Unterzeichnenden sollen sich bereit erklären, Lebensmittelabfälle bis 2025 um 30 Prozent und bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren. 

Für die Sektoren Landwirtschaft und Verarbeitung wurden jedoch keine Vereinbarungen zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen getroffen, weil es zwischen den Branchenverbänden und dem BMEL keine Einigung über gemeinsame Ziele zustande kam. 

Dialogforen im Überblick

In den folgenden Dialogforen sollen Maßnahmen ausgearbeitet werden.

Landwirtschaft und Verarbeitung

2021 starteten die beiden Dialogforen für die Primärproduktion und der Verarbeitung von Lebensmitteln. Beide Projekte wurden durch die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) durchgeführt und vom Thünen-Institut für eine verbesserte Datenlage begleitet. In beiden Dialogforen wurden ‚Runde Tische‘ für Produktgruppen eingerichtet und mit den beteiligten Unternehmen Maßnahmen gegen Abfälle identifiziert und in Demonstrationsbetrieben getestet.

Groß- und Einzelhandel

Das Dialogforum für den Groß- und Einzelhandel startete im September 2019. Im Januar 2021 hatten 21 Groß- und Einzelhandelsunternehmen die Beteiligungserklärung zum Dialogforum unterzeichnet – weitere Unternehmen sollen gewonnen werden. Zunächst geht es darum die Datenlage zu verbessern, vorhandene Datenquellen zu ergänzen und die Datenerhebung zu Lebensmittelabfällen im Handel weiterzuentwickeln. Das Dialogforum wird vom Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP) in Zusammenarbeit mit dem Thünen-Institut durchgeführt.

Außer-Haus-Verpflegung

Im Dialogforum konnte in zwölf Modellbetrieben eine durchschnittliche Reduzierung der Lebensmittelabfälle um 25 Prozent erreicht werden. Nach zweijähriger Arbeit hat das Dialogforum unter Koordinierung des WWF Deutschland eine Zielvereinbarung verabschiedet. Die Vereinbarung betrifft viele Betriebe des Sektors – von Betriebskantinen über Hotels bis hin zu Krankenhäusern, Seniorenheimen oder Schulen.

Im Sektor der Außer-Haus-Verpflegung soll das seit 01.01.2022 eingerichtete Kompetenzzentrum für Außer-Haus-Verpflegung (KAHV) Beteiligungserklärungen sowie einmal jährlich Abfallmessungen und Maßnahmen bei den Unternehmen in Gang setzen, die dann dem KAHV berichtet werden. Das Kompetenzzentrum wird durch den Verein United Against Waste geleitet und vom Thünen-Institut wissenschaftlich unterstützt.

Private Haushalte

Im Dialogforum private Haushalte werden erfolgversprechende Ansätze und Maßnahmen zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung identifiziert, in Zusammenarbeit mit bereits auf diesem Feld tätigen Akteur:innen getestet, und mit Hilfe einer im Dialogforum entwickelten einheitlichen Methode auf ihre Wirksamkeit hin überprüft.

Dazu wurde ein Citizen Science Projekt durchgeführt: Mit einer Vorher-Nachher-Erhebung wurden die Küchenabfälle durch Verbraucher:innen in privaten Haushalten gemessen. Die erhobenen Daten wurden ausgewertet, um die Wirksamkeit der Aktionen zu evaluieren. 

Das Dialogforum Private Haushalte findet im Zeitraum Oktober 2020 bis Juni 2023 statt und wird vom Ecologic Institut in Kooperation mit der Technischen Universität Berlin und Slow Food Deutschland durchgeführt.

Noch mehr Gremien!

Neben den Dialogforen gibt es noch weitere Gremien, die sektorübergreifende Maßnahmen erarbeiten, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden.

Das Nationale Dialogforum berät mit den Vertreter:innen aus den Dialogforen und setzt Impulse für weitere Reduzierungsmöglichkeiten. Das Bund-Länder-Gremium übernimmt die Steuerung über die zuständigen Ministerien und Bundesländer hinweg und begleitet die Umsetzung der Strategie und Aktionswochen. Die Arbeitsgruppe AG Indikator koordiniert die Berichterstattung über Lebensmittelabfälle für die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie, für die Vereinten Nationen und die EU-Kommission. Hier arbeiten u. a. Vertreter aus BMEL, Thünen-Institut, Bundesministerium für Umwelt, Umweltbundesamt und Statistischem Bundesamt zusammen.

So sieht unsere Bilanz aus

Es ist lobenswert, dass möglichst alle Akteur:innnen in den Dialogforen beteiligt werden, allerdings vergehen wieder Jahre, ohne dass Lebensmittelabfälle in Deutschland spürbar reduziert werden. Nach gut zehn Jahren der Diskussion wie die Lebensmittelverschwendung in Deutschland erfolgreich bekämpft werden kann, setzt das BMEL weiter auf Freiwilligkeit, Appelle und viel Unverbindlichkeit. Aus Sicht der Verbraucherzentralen können die ambitionierten Pläne so nicht erreicht werden, vielmehr sind gesetzliche Ziele und verbindliche Vorgaben notwendig.