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Verlängerung für Glyphosat: „Jetzt einen Ausstiegsplan entwickeln“

Die Europäische Union hat beschlossen, den Einsatz des umstrittenen Pflanzenschutzmittels Glyphosat in der Landwirtschaft für weitere fünf Jahre zu erlauben.  Worauf es jetzt ankommt, erklärt Gudrun Köster, Expertin für Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale, im Interview. 

Weizenfeld wird mit Pflanzenschutzmitteln besprüht

Einsatz von Pflanzenschutzmitteln

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Was halten Sie von dieser Entscheidung der Europäischen Union?

Als Verbraucherzentrale setzen wir uns natürlich für die Interessen der Verbraucher ein. Die meisten lehnen den Einsatz von Glyphosat ab – das zeigen diverse Umfrageergebnisse und Petitionen zum Thema. Die Menschen sind zu Recht verunsichert. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein, Wissenschaftler und Fachleute sind sich noch uneinig darüber, wie schädlich der Einsatz dieses Pestizids für den Menschen wirklich ist. Die Vermeidung möglicher Risiken für Mensch und Umwelt muss aber an erster Stelle stehen.

Wäre ein Verbot von Glyphosat besser für Verbraucher?

Das würde nicht genügen. Es geht um mehr als ein Verbot eines Wirkstoffs – nämlich generell um Art und Menge des Einsatzes von chemischen Pflanzenschutzmitteln. Solche Mittel enthalten neben dem eigentlichen Wirkstoff diverse Zusatzstoffe und es spricht viel dafür, dass diese Kombination die weit größeren gesundheitlichen Gefahren birgt. Aus unserer Sicht sind die Risiken von Pflanzenschutzmitteln insgesamt zu wenig untersucht. Nicht nur der einzelne Wirkstoff, sondern das gesamte Produkt muss auf Auswirkungen für Mensch und Umwelt getestet werden. Ebenso müssen Fragen der Mehrfachbelastungen und mögliche Wechselwirkungen geklärt werden. Fest steht aber bereits, dass Glyphosat und andere Pestizide auch massive Umweltschäden verursachen. Folgen sind zum Beispiel der Rückgang von Ackerkräutern, das Insektensterben und damit der Rückgang von Feldvogelarten wie Rebhuhn, Feldlerche und Goldammer.

Welche Lösung des Problems würden Sie vorschlagen?

Jetzt kommt es darauf an, den Blick nach vorn zu richten und die kommenden fünf Jahre für einen Ausstiegsplan zu nutzen, der auf vielen Ebenen greift. Es gibt Alternativen zu Pestiziden wie Glyphosat. Die Lösung besteht aber nicht in anderen, unter Umständen schlechter erforschten Wirkstoffen. Der Biolandbau macht es vor, aber auch viele konventionelle Betriebe beschreiten neue Wege. Politik und Landwirtschaft sind dabei gleichermaßen gefordert. Wenn nichts passiert, so stehen wir in fünf Jahren vor der gleichen Frage. Das darf nicht sein.

Wie könnte so ein Ausstieg funktionieren?

Der aktuelle Beschluss der EU zum Glyphosat-Einsatz lässt nationale Maßnahmen zu. Das könnten zum Beispiel strengere Beschränkungen für den Einsatz von Pestiziden in Deutschland sein. Wer das Prinzip der Vorsorge im Verbraucherschutz ernst nimmt, kann das Thema in die bevorstehenden Koalitionsverhandlungen für die nächste Bundesregierung aufnehmen und auf diese Weise für einen Fortschritt sorgen.
Die Landwirtschaftsschulen und –kammern sowie Verbände können Landwirte gezielt beraten und schulen. Mit Maßnahmen wie der richtigen Kombination aus erweiterten Fruchtfolgen, passenden Sorten und mechanischer Bodenbearbeitung lässt sich der Einsatz von Pestiziden verringern. Erhöhte Lebensmittelpreise wären laut Berechnungen verschiedener Forschungsinstitute dann nicht ausgeschlossen.

Was können Verbraucher jetzt tun, wenn sie Glyphosat und andere Pestizide ablehnen?

Die Abschaffung solcher Mittel beginnt im eigenen Zuhause – das bedeutet, in Haus und Garten auf chemische Pflanzenschutzmittel zu verzichten. Leider sind sie dort noch weit verbreitet. Auch bei konventionellen Lebensmitteln sind die Risiken begrenzt: laut jüngstem Bericht des Landeslabors Schleswig Holstein waren 50 Prozent aller untersuchten Lebensmittelproben frei von Pestiziden, 49 Prozent wiesen Rückstände unterhalb der zulässigen Grenzwerte auf und nur ein Prozent war zu hoch belastet. Wer ganz sicher gehen will, kann beim Einkaufen zu Bio-Lebensmitteln greifen. Waschen sollte man Obst und Gemüse auf jeden Fall.

Zur Person

Gudrun KösterGudrun Köster ist Ernährungswissenschaftlerin und bei der Verbraucherzentrale für den Bereich Lebensmittel und Ernährung verantwortlich. Sie vertritt als Expertin die Verbraucherzentralen auch auf nationaler Ebene, wie z.B. demnächst in Berlin beim BfR Forum Verbraucherschutz zum Thema „Mineralöl im Fokus des gesundheitlichen Verbraucherschutzes“.  

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung wiedergibt.