Menü

Ihr gemeinnütziger Verein für Information, Beratung, Bildung und Interessenvertretung.

Themen: Geld & Versicherungen | Digitale Welt Lebensmittel | Umwelt & Haushalt Gesundheit & Pflege | Energie | Reise & Mobilität | Verträge & Reklamation

Ferkelkastration ohne Betäubung: Unsicherheit für Verbraucher

Stand:

Das Wichtigste in Kürze:

  • Männliche Ferkel werden meist kastriert, um Ebergeruch bei Schweinefleisch zu verhindern, der für einen Teil der Verbraucher Ekel erregend ist.
  • Der Bundestag hat am 29.11.2018 beschlossen, dass Ferkel zwei Jahre länger als geplant ohne Betäubung kastriert werden dürfen: bis Ende 2020.
  • Wir kritisieren den Beschluss als nicht gerechtfertigte Verlängerung des Tierleids, da es praxistaugliche Alternativen zur Vermeidung von Ebergeruch gibt, die weniger belastend für die Tiere sind.
  • Verbraucher können beim Einkauf von Fleisch aber nicht erkennen, ob und wie Ferkel kastriert wurden.
Mehrere Ferkel stehen mit einer Sau im Stall.
Off

Zwanzig Millionen Ferkel werden jedes Jahr ohne Betäubung in Deutschland kastriert. Dieser schmerzhafte Eingriff ist per Ausnahmeregelung im Tierschutzgesetz erlaubt. Allerdings nur bis Ende 2018, wie der Bundestag vor fünf Jahren beschlossen hatte. Anschließend sollte nur noch unter Betäubung kastriert werden dürfen. Am 29. November 2018 hat nun der Bundestag die Ausnahmeregelung um zwei Jahre verlängert.

Hintergrund der Kastration männlicher Schweine

Der wesentliche Grund für die Kastration männlicher Schweine ist das Risiko des Auftretens eines unangenehmen Geruchs ("Ebergeruch"), der beim Fleisch von etwa etwa zwei bis zehn Prozent der Eber auftritt. Zwar nimmt nur ein Teil der Verbraucher den Geruch wahr, bei diesen kann er aber so starken Ekel hervorrufen, dass sie das Fleisch nicht essen können. Hauptverantwortlich für den Ebergeruch ist das natürliche Sexualhormon Androstenon, das in den Hoden geschlechtsreifer Eber gebildet wird, in Zusammenwirkung mit dem Eiweißabbauprodukt Skatol. Bei der Kastration werden die Hoden entfernt und so die Bildung von Androstenon verhindert.

Es gibt keinen Grund, Ferkel weiterhin ohne Betäubung zu kastrieren

Ferkel empfinden Schmerzen. Sie leiden unter der Kastration und dem anschließenden Wundschmerz. Auch Tierärzteorganisationen haben sich eindringlich für die Beendigung der betäubungslosen Ferkelkastration ausgesprochen, die sie teilweise sogar als Tierquälerei bezeichnen. In der Schweiz und Norwegen ist die betäubungslose Kastration bereits seit vielen Jahren verboten. Die Verbraucherzentralen fordern daher von Politik, Fleischwirtschaft und Handel, dass die betäubungslose Kastration schnellstmöglich beendet wird.

Praxistaugliche Alternativen

  • Mast nicht kastrierter männlicher Schweine (Ebermast): Voraussetzung für die Ebermast ist ein an die Tiere angepasstes Haltungssystem mit ausreichend Platz, angepasster Fütterung und artgemäßer Beschäftigung. Rund 15-20 Prozent der männlichen Schweine werden in Deutschland bereits als intakte Eber gehalten. Geruchsbelastete Tiere werden bei der Schlachtung aussortiert.
  • Immunokastration: Mit zwei Impfungen wird die Bildung von Androstenon im Hoden unterdrückt und so Ebergeruch verhindert. Laut Institut für Tierschutz und Tierhaltung des bundeseigenen Friedrich-Löffler-Instituts ist diese Impfung gegen Ebergeruch "tierschutzfachlich der beste Weg".
  • Chirurgische Kastration unter Isofluran-Narkose: Die Betäubung erfolgt mit dem Narkosegas Isofluran. Da dieses keine schmerzlindernde Wirkung hat, wird vorher ein Schmerzmittel gespritzt. In der Schweiz wird hauptsächlich diese Form der Kastration angewendet, ebenso von den deutschen NEULAND-Betrieben. Grundsätzlich stellt der chirurgische Eingriff der Kastration immer eine Belastung für die Tiere dar.

Was können Verbraucher tun?

Derzeit nicht viel. An der Ladentheke oder am Stück Fleisch ist nicht zu erkennen, ob und wie das Ferkel kastriert wurde. Selbst bei Bio-Schweinefleisch kann man nicht sicher sein, dass das Tier vor der Kastration betäubt wurde. Die EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau schreiben nur die Gabe eines Schmerzmittels vor, eine Betäubung der Ferkel ist nicht explizit gefordert.

Wer also kein Fleisch von unbetäubt kastrierten Schweinen essen möchte, muss beim Einkauf gezielt nachfragen. Häufig wird man aber keine Auskunft erhalten. Am ehesten dürfte dies noch bei direkt vermarktenden Landwirten und Biofleisch-Anbietern möglich sein und bei Markenfleischprogrammen, die Wert auf eine möglichst schonende Tierhaltung legen.